GemeinwohlAtlas Deutschland: Die Sorge ums Gemeinwohl bleibt hoch

Der Gemeinwohlbeitrag von Unternehmen und Organisationen bleibt gegenüber 2015 insgesamt stabil. Im Einzelnen gibt es klare Gewinner und Verlierer. Bemerkenswert ist die anhaltend grosse Sorge der Deutschen, dass dem Gemeinwohl nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Feuerwehr, das Technische Hilfswerk und das Deutsche Rote Kreuz nehmen in der Gunst der deutschen Bevölkerung die ersten drei Plätze ein. Erst auf Rang 30 folgt das erste Unternehmen – die Carl Zeiss AG, gefolgt von Süddeutsche Zeitung und dem dm-drogerie Markt.

22. Mai 2019.

Die Feuerwehr belegt nach 2015 wiederum den 1. Platz im Gesamtranking. Ganz offenkundig verbinden die Deutschen mit der Feuerwehr ein Sicherheitsgefühl in einer unsicheren Zeit, in der Verlässlichkeit und gelebte Nähe einen hohen Stellenwert einnehmen.
In der Spitzengruppe befinden sich insgesamt 52 Organisationen. Insbesondere die, für die Bundesrepublik so typischen, großen „Sozial- und Hilfswerke“, wie etwa Technisches Hilfswerk, Rotes Kreuz, Weisser Ring, Johanniter-Unfall-Hilfe, Malteser Hilfsdienst, Diakonie und Arbeiter Samariter Bund, dominieren die Spitzengruppe.

Öffentlicher Sektor unter der Gemeinwohl-Lupe

Ebenfalls Spitzenplätze belegen die Bundespolizei (7) und das Bundesverfassungsgericht (8). Gerade für die Bundespolizei ist die Bestätigung des hervorragenden Ergebnisses aus 2015 ein Nachweis für die hohe Wertschätzung in der Bevölkerung nach der Migrationskrise.
Alle anderen öffentlichen Verwaltungen bzw. staatlichen Institutionen schneiden dagegen eher durchschnittlich bis unterdurchschnittlich ab: Während die Bundeswehr und die Bundesregierung gegenüber 2015 etwas geringere Werte erzielen, hat sich die Wahrnehmung des Gemeinwohlbeitrages der Bundesagentur für Arbeit leicht verbessert. Die Europäische Zentralbank wird in 2019 in derselben Weise wie 2015 bewertet. Neu hinzugekommen sind das Europäische Parlament und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Letzteres erreicht den geringsten Wert aller untersuchten öffentlichen Institutionen.

Familienunternehmen wird höherer Gemeinwohlbeitrag zugeschrieben

Mit der Carl Zeiss AG hat es in diesem Jahr ein Unternehmen an die Spitze in der Privatwirtschaft gebracht, welches im besten Sinne als Familien- bzw. Stiftungsunternehmen gilt. Überhaupt zeigt sich, dass den «klassischen» Familienunternehmen im GemeinwohlAtlas insgesamt ein höherer Gemeinwohlbeitrag als anderen Unternehmensformen zugeschrieben wird.
Am unteren Ende des Rankings befinden sich die Deutsche Bank (134), Bild (135), die FIFA (136) und Marlboro (137). Die Bild-Zeitung hat – obwohl sie einen noch geringeren Wert als 2015 erzielt hat – den letzten Platz an die FIFA und Marlboro abgegeben, welche beide neu in die Wertung aufgenommen wurden.

Prof. Dr. Timo Meynhardt über den GemeinwohlAtlas 2019 für Deutschland. Welche Unternehmen, Organisationen und Einrichtungen sind auf den vorderen Plätzen zu finden? Worin liegen die Unterschiede zu früheren Ergebnissen der Untersuchung? Und warum Gemeinwohl mehr ist als Moral. Ein Videointerview.

Autobauer mit grossen Verlusten

Den grössten Verlust musste allerdings die Volkswagen AG hinnehmen. Aber auch die AUDI AG, Mercedes Benz, Daimler, BMW und Porsche haben deutlich verloren, wenn es um die öffentliche Wahrnehmung des Gemeinwohlbeitrages in Deutschland geht. Gleichzeitig haben die ausländischen Autobauer Mitsubishi und Toyota zugelegt. Noch ein Wort zu Volkswagen: Während das Unternehmen auch gegenüber der Nachbefragung im Herbst 2015 noch einmal verloren hat und die Deutschen insgesamt deutlich kritischer gegenüber VW sind, steht das Unternehmen mit Platz 126 immer noch deutlich vor anderen. Dies ist ein Zeichen, wie stark Volkswagen insgesamt in der deutschen Bevölkerung verankert ist und welche Rolle das Unternehmen für das kollektive Selbstbewusstsein spielt. Zu den grossen Verlierern in diesem Jahr zählen auch Nestlé (-20%) und die Bayer AG (-17%). Als Gewinner darf dagegen der ADAC gelten, der mit einer Steigerung um 11% gegenüber 2015 am stärksten zugelegt hat.

Differenzierte Wahrnehmung des Gemeinwohls

Insgesamt zeichnen die Befragten ein sehr differenziertes Bild, wenn es um den Gemeinwohlbeitrag einzelner Organisationen geht: Auf einer 6er Skala rangieren die 137 Organisationen zwischen 1,9 und 5,7 (1 = niedrigster Wert; 6 = höchster Wert). Es wird also klar unterschieden zwischen jenen, die besonders positiv auf die Gesellschaft wirken und jenen, denen dies (bisher) nicht gelingt. Unter den Top Ten aller einbezogenen Organisationen befinden sich zunächst keine Wirtschaftsunternehmen:
1. Feuerwehr
2. Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW)
3. DRK-Deutsches Rotes Kreuz
4. Weisser Ring
5. Johanniter-Unfall-Hilfe
6. Deutsches Jugendherbergswerk
7. Bundespolizei
8. Bundesverfassungsgericht
9. Malteser Hilfsdienst
10. Diakonie

Digitalunternehmen machen keinen Boden gut

In der rasant fortschreitenden Digitalisierung haben es die digitalen Vorreiter weiter schwer: Nach wie vor unterdurchschnittlich bzw. auch sehr kritisch werden Youtube (neu), Instragram (neu), Twitter (neu), Apple, Google und Facebook betrachtet. Insbesondere Apple hat einen starken Verlust hinnehmen müssen.

Fussball erhitzt weiter die Gemüter

Bei den Fussballklubs belegt wiederum Borussia Dortmund den ersten Platz. Allerdings musste der Klub einen deutlichen Verlust verkraften. Den grössten Verlust hatte jedoch der FC Bayern München zu verzeichnen, der auf dem letzten Platz der Fussballklubs landet. Der Neuling im GemeinwohlAtlas RB Leipzig schiebt sich auf Anhieb vor die Bayern.

Bürgerinnen und Bürger übernehmen Verantwortung

87 von 100 Befragten geben an, eine klare Vorstellung davon zu haben, was Gemeinwohl bedeutet. Dabei sind 81 von 100 Befragten eher besorgt bis sehr besorgt, dass dem Gemeinwohl in Deutschland zu wenig Beachtung geschenkt wird. Die Sorge bleibt also, wie auch in der Befragung 2015, sehr hoch. Je älter die Befragten waren, desto höher war die Sorge ums Gemeinwohl.
Aus Arbeitgebersicht dürfte interessant sein, dass 72 von 100 Befragten tendenziell bereit sind, Gehaltseinbussen in Kauf zu nehmen, um in einer Organisation zu arbeiten, die das Gemeinwohl hochhält. Hinzu kommt die Konsumentensicht: Offensichtlich würde eine Gemeinwohlorientierung auch beim Einkaufen zum Tragen kommen. So geben 91 von 100 Befragten an, gemeinwohlförderliche Produkte zu bevorzugen und dafür tendenziell mehr ausgeben zu wollen – 26 von 100 Befragten sogar mehr als 10%.

Frauen gaben öfter als Männer an, dass sie durch ihr eigenes Verhalten zum Gemeinwohl beitragen können. Das zeigt sich unter anderem darin, dass sie eher bereit sind, für eine Organisation zu arbeiten, die das Gemeinwohl hochhält, auch wenn sie dabei weniger verdienen würden.
«Der deutlich erweiterte GemeinwohlAtlas Deutschland zeigt in diesem Jahr vor allem eines: Die Deutschen setzen die Gemeinwohlfrage wieder mit Wucht auf die Agenda. Bei allen Unterschieden zwischen Jung und Alt, Männern und Frauen, Ost- und Westdeutschland, ist die Sorge ums Gemeinwohl hoch. Eines ist aber auch erkennbar und da unterscheiden sich Deutsche kaum von Schweizern: 9 von 10 Bürgerinnen und Bürgern sind überzeugt, durch ihr eigenes Verhalten einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Dieser Mitgestaltungsanspruch ist ermutigend», sagt Timo Meynhardt, Studienleiter und Professor an der Handelshochschule Leipzig (HHL) und Managing Director am Center for Leadership and Values in Society (CLVS-HSG).

Foto: Adobe Stock / kraichgaufoto

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